Blogtour „Der Stern von Erui“ von Sylvia Rieß Tag 6 / Teil 3

Blogtour_Banner Kopie(2)

Ich hänge noch eine ganze Weile zwischen den duftenden Rosenbüschen meinen eigenen Gedanken nach. Erui hat mich in den letzten Tagen mit seiner Größe erdrückt, mit seinen Wundern gefesselt und mit der Dunkelheit erstickt, die es bedroht.

Feengarten

Das alles sollen wir, die Menschen, gewesen sein?! Das Schöne, wie das Schlechte. Die Herrlichkeit und die Verzweiflung. Ich fühle mich matt und völlig erschlagen, als mich ein anderer Kobold als Godwin schließlich findet und auffordert ihm zu folgen.

In einem hübschen Gästezimmer mit Fensterblick in den Garten hinaus, werden mir neue, saubere Kleider gegeben, einem Grafen oder Fürsten würdig. Ich kann mich waschen und umziehen und man führt mich hinab in die große Halle.

Auf der Thronempore sind zwei lange Tischreihen aufgebaut und mir wird ein Platz am unteren Ende zugewiesen.

Die Stühle sind zu großen Teilen schon besetzt. Die Gesichter links und rechts von mir kenne ich nicht. Das eine ist blau. Das andere fellbewachsen mit grünen Katzenaugen.

Kein Wunder, dass diese Fenia nicht hatte sprechen wollen, über die Dinge, die ihr begegnet sind, denke ich und versinke dabei immer tiefer in Schwermut.

Der Schatten muss erdrückend für euch sein.“

Höre ich da ein freundliche tiefe Stimme.

Ich schau auf. Die Reihen um mich haben sich erhoben. Ein junger Mann in meinem Alter steht vor mir. Er trägt schwarze Hosen, ein helles Hemd, hohe Stiefel und ein Schwert an der Seite. Außerdem fällt mir an seinem Gürtel ein rotes Band auf, wie ich es von den Kriegern aus Arvindûras kenne.

Seine Augen sind strahlend braun und scheinen immer zu lächeln. Er hat volles, schwarzes Haar, das lang und leicht gelockt ist.

Er muss König Dûrowinn, mein Gastgeber sein, geht mir durch den Kopf.

Hastig springe ich auf und will mich verbeugen. Doch er winkt ab. Auch den anderen bedeutet er, wieder Platz zu nehmen.

Lasst gut sein. Dieses höfische Affentheater muss doch wirklich nicht dreimal am Tag sein.“

Er lacht und lässt sich auf dem Stuhl mir gegenüber fallen. Verdutzt starre ich ihn an. Dann wandert mein Blick zum Kopfende der Tafel, wo zwei hohe Lehnstühle stehen. Einer mit dem roten und einer mit dem blauen Banner, die ich bereits kenne.

Dûrowinns Blick folgt meinen Augen.

Ich werde nicht auf einem Stuhl Platz nehmen, dessen Inhaber jede Minute zur Tür hereinspaziert kommen könnte“, erklärt er und nimmt sich von den Platten, die in der Mitte des Tisches aufgetragen sind.

Ein Kobold kommt auch bei mir vorbei und schenk mir Wein in meinen Kelch.

Dann gibt es also doch Hoffnung?“, frage ich zögerlich.

Dûrowinn sieht mich lange an. In seinem Blick flackert es. Ich erkenne, dass er selbst gegen die allgegenwärtige Verzweiflung nicht immun ist, doch er scheint stärker als die anderen.

Er nickt schließlich.

Die gibt es. Mein Bruder ist ein mächtiger Mann. Sein Schwert ist kühn, seine Magie hat ganze Armeen in die Flucht geschlagen und sein Herz ist erfüllt mit dem Glauben an den Stern. Wenn einer durch das Schattenland gelangen und Prinzessin Aljana retten kann, dann ist er es.“

Ich nicke schweigend. Kaue versonnen auf meinem kalten Braten herum. Ich lausche dabei den Gesprächen, die er mit meinen Tischnachbarn hält und stelle fest, dass er ein freundlicher Zeitgenosse sein muss. Die Anwesenden zollen ihm dennoch den gebührenden Respekt. Bei einigen der Damen kann ich allerdings bemerken, dass der Tonfall vertrauter wirkt. Der König weiß offensichtlich wie man Komplimente verteilt.

Dûrowinn von Arvindûras

Dûrowinn von Arvindûras (von Dorothee Rund – http://www.dorothee-rund.de)

Nachdem alles doch zwangloser läuft, als ich dachte, traue ich mich zu fragen:

Warum ist euer Bruder eigentlich allein gegangen? Ich meine, wenn ich das richtig verstanden habe, dann ist er der Hohe König dieser ganzen Welt. Ihm stehen all eure Soldaten zur Verfügung. Ganze Heerscharen. Ich meine, hat er nicht darüber nachgedacht, dass er mit einer Armee im Rücken bessere Karten haben könnte?“

König Dûrowinn sieht mich eine Weile abschätzend an.

Llewellyn hat gewiss nicht einmal in Erwägung gezogen irgendeine Seele als die Seine in das Land hinter den Gletschern zu führen.

Der Schatten, das ist nicht einfach nur ein dunkle Herrscher mit einer großen Armee. Er ist viel mehr als das. Er ist ein Gedanke, eine Idee, die sich in Erui festgesetzt hat und das ganze Land jenseits der Berge beherrscht. Wir magischen sind nie für das geschaffen gewesen, was er verkörpert. Lug und Trug, Hass und Missgunst, Grausamkeit. Das waren nicht die Essenzen mit denen Erui erträumt wurde. Doch sie sind nun ein Teil davon. Und wenn SEIN Atem unsere Herzen berührt, dann verdirbt uns das. Wir werden dann zu Diener in SEINEM dunklen Heer.“

Ich schaudere. Nicht einmal vorstellen kann ich mir, was er da gerade erzählt. Dennoch muss ich es wissen:

Wenn es euch verdirbt, wie kann dann König Llewellyn es schaffen? Und viel wichtiger, wie kann eure Königin SEINE Nähe ertragen?“

Du stellst die richtigen Fragen, Mensch.“ stellt der König fest, gibt mir aber nicht direkt Antwort. Erst nach einer Weile versucht er es zu erklären.

Wenn du sie kennen würdest, dann müsstest du nicht fragen. Mehr noch als für ihre Schönheit war Lady Aljana immer für ihren unendlichen Mut und ihren unbrechbaren Willen berühmt. Lew glaubt an sie. Fester, als das irgendeiner von uns kann. Er liebt sie. Er wird sich nicht geschlagen geben, auch nicht gegen den Schatten. Er wusste sehr genau, dass der Weg über die Berge seinen Tod bedeuten konnte, noch ehe er überhaupt in die Nähe SEINES Schlosses gekommen ist. Doch ein Herz, das mächtig genug ist, dieses Risiko einzugehen, kann dem Schatten wiederstehen.“

Daran glaubt ihr?“

Ja, daran glaube ich!“

Er sagt die letzten Worte so, als müsse er damit nicht nur mich, sondern auch sich selbst überzeugen. Ich schlucke.

Wie ist er eigentlich über die Berge gekommen, wenn sie doch als unüberwindlich gelten?“

Ich glaube ich frage selbst nur weiter, weil ich die Stille nicht ertragen kann.

Teijûn.“ antwortet der König diesmal prompt.

Wie bitte?“ frage ich

Fürst Teijûn, Der Sonnengoldene. Zweitgeborener des Himmels und Herr über die Drachen seit dem Tod seines blauen Bruders Thoran. Er hat Llewellyn geholfen. Seine Schwingen haben ihn über die Berge gebracht.“

Dann ist er also doch nicht allein.“ atme ich auf.

Wenn du es so nennen willst.“

Ich stutze und er nimmt mein fragendes Gesicht als Einladung weiterzusprechen.

Die ewigen Wesen Eruis mischen sich eigentlich nicht in die Belange der Sterblichen ein. Seit dem Krieg im Westen stehen die Drachen allerdings auf unserer Seite. Was allein schon zeigt, wie verzweifelt unsere Lage ist. Warum der Drachenfürst meinem Bruder hilft, weiß ich nicht. Und ich weiß nicht, wie weit ich ihm trauen kann.“

Verstehe“ sage ich und wende mich wieder dem Essen zu.

Nach einer Weile ist es schließlich der König, der sich mit einer frage an mich wendet.

Sagt mir, wie stark kann ein menschliches Herz sein? Ein Herz, das alles Gute und alles Schlechte dieser Welt gesehen hat? Glaubt ihr, es ist noch dazu in der Lage, sich für Erui und nicht dagegen zu entscheiden?“

Ich schüttele den Kopf, weil ich mit seiner Frage nichts anfangen kann. Ich versuche zu verstehen, worauf er hinaus will, doch bevor ich nachhaken kann kommen auf einmal Männer in Rüstungen und langen silbernen Mänteln von der Tür auf die Tafel zu.

In König Dûrowinns Gesicht zuckt es.

Boten meines Marschalls“, erklärt er entschuldigend und erhebt sich.

Nachdem sie ein paar Sätze miteinander gewechselt haben, kommt er noch einmal zurück.

Ich würde mich gerne weiter mit euch unterhalten, doch es gibt dinge, die ich nicht aufschieben kann. Darum müssen wir es auf ein ander Mal verschieben. Mich würde nämlich noch brennend interessieren, wie genau ihr überhaupt durch die Schleier gelangt seid.“

Ich setze dazu an, ihm in aller Kürze von Fenia und dem seltsamen Verhör und den Schatten zu erzählen, doch er winkt ab und ich sehe, dass die beiden Krieger mit drängenden Gesten zum Ausgang weisen.

Ich halte noch ein wenig Smalltalk mit meinen Sitznachbarn, doch viel mehr erfahre ich von denen auch nicht.

Während ich mich schließlich in das seidenbespannte Himmelbett in meinem zimmer fallen lasse, gehen mir die Worte des Königs noch einmal durch den Kopf. Ein menschliches Herz, das alles Gute und alles Schlechte in Erui kennengelernt hat.

Ist das die Antwort auf die Frage, warum Fenia so verstockt war? Kann es wirklich sein, dass auch sie hier gewesen ist, dass sie ihn gar kennt? Ich überlege, welche rolle sie spielen könne in all dem, doch ich komme zu keiner Erkenntnis. Müde schalfe ich über dem Gedanken schließlich ein. 

Ende Teil 3

Morgen geht es hier weiter mit einem Interview mit der Schicksalsweberin von Erui.

Advertisements
von sabrinaslesetraeume Veröffentlicht in Blogtouren

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s