Blogtour „Der Stern von Erui“ von Sylvia Rieß Tag 6 / Teil 2

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Godwin nickt. Er deutet auf eine weitere Tür, die nach links aus dem Thronsaal führt. Mein gutes räumliches Vorstellungsvermögen sagt mir, wir gehen in Richtung der Mitte des Schlosses, dorthin, wo man von außen die große Kuppel gesehen hat.

Vor einer Holztür mit Zeptern, Kronen und Schlüsseln hält Godwin an.

Dies ist der Ort, an dem in Erui alle wichtigen Entscheidungen getroffen werden.“

Mit einem Wink von Godwins Hand öffnet sie sich und ich finde mich am oberen Ende einer kurzen Treppe, die in einen runden Raum führt. Über der Halle sehe ich die Kuppel, die man schon von außen erkennen konnte und im Rund stehen 38 samtbespannte Sessel. Jeder trägt ein anderes Banner. Etwas erhöht stehen vier Stühle und dann noch einmal höher zwei. In der Mitte befindet sich ein runder Steintisch, auf dem die Karte Eruis eingelassen ist. Bei einem flüchtigen Blick darauf kommt sie mir anders vor als jene Version, die Lykill mir zeigte, doch Godwin lässt mir keine Zeit dazu eine Frage zu stellen.

„Wie ihr sehen könnt, gibt es hier für jeden König der magischen Völker einen Sitz im Rat. Dazu kommen die Vier Wächter. Seine königliche Hoheit Fürst Ariman habt ihr von diesen ja schon kennengelernt. Jedes Mitglied des Hohen Rates ist berechtigt eine Tagung einzuberufen. Wer das Anliegen für wichtig genug hält, erscheint. Nur ein Hoher König hat das Recht eine Ratsentscheidung in Frage zu stellen. Dann würde ein weiteres Mal beraten und neu abgestimmt. Bei einer zweiten Abstimmung seine Stimme wie jede andere.
Der Rat hätte sogar die Macht, einen Hohen König in Frage zu stellen, wenn dieser entgegen dem Wohl unserer Welt handelt. Doch das ist in der Geschichte Eruis noch nie vorgekommen.“

Godwin lässt mir einen Augenblick Zeit durch die Halle zu wandern. Ich achte streng darauf, dass ich nichts berühre. Dann winkt er mich zu einer anderen Tür hinaus.

Godwin führt mich durch viele gewundene Flure, Gänge und Zimmer immer höher hinauf. Die Türme durch die wir kommen sind über filigrane Luftbrücken miteinander verbunden.

Wir befinden uns nun in den östlichen Türmen. Hier sind die Schreibstuben, die Chroniken, die Bibliotheken des Schlosses. Ich als Verwalter habe mein eigenes Zimmer ebenfalls in diesen Räumen.“ erklärt Godwin dir bei eurem Rundgang.
„Wir Schlosskobolde sind die ältesten Bewohner Talveymars. Meine Ururururgrossmutter selbst hat noch für die wahren Könige von Edin gedient. Nachdem der Fluch das Schloss traf und keiner es mehr bewohnte, waren nur noch ich und einige meiner Sippschaft übrig, die sich um alles gekümmert haben.
Wir dachten schon, nie wieder unter einem Hohen König dienen zu dürfen, aber dann kam sie. „
„Sie?“ frage ich

Prinzessin Aljana“, flüstert der Kobold ehrfürchtig. Ihm entfährt dabei ein angezogener Seufzer.

In meinem Kopf fügen sich Bruchstücke der vergangenen Tage so langsam zu einem Bild. Das Lied im verzauberten Wald gestern, hat mir diesen Namen bereits verraten. Die weißen Fahnen, die Trauer. Überall die Rede von Ihr, der weißen Lady, der einen Königin.

Ich schlussfolgere, dass sich die alten Legenden erfüllt haben müssen, doch wohl offensichtlich nicht so, wie sich die Bewohner Eruis dies erhofften.

Während ich meinen Gedanken nachhänge, wird der Kobold kurz unterbrochen und von einem der Schreiber weggerufen. Ich bleibe stehen und sehe mich um. Dabei registriere ich den scheuen Blick, den mir ein junger Mann in grau violetten Roben zuwirft. Ich geh zu ihm und stelle mich vor.

Seine Antwort ist ein einziger Gestammel, sodass ich den Namen nicht verstehe.

Seid … seid ihr ein Mensch?“ höre ich nur heraus.

Ich nicke. „Ja das bin ich. Aber was daran ist so aufregend?“

Er fasst sich ein Herz und versucht zu erklären.

Ich vermute, man hat euch das bei den Menschen nicht gelehrt. Darum könnt ihr es nicht Wissen. Unsere Welt wurde als traumspiegel der menschlichen Herzen erschaffen. Einst waren sich Erui und Elahad so nah, dass magische und erdenkinder durch die schleier in beiden Welten wandeln konnten. Doch die Herzen der Menschen haben sich in den Jahrtausenden gewandelt. Sie wurden bösartig, gierig, hasserfüllt.

Ihr habt IHN geschaffen. Eure Kriege haben das land jenseits der schwarzen gletscher vergiftet und dieses Gift fließt mit dem Atem des Schattens nun zu uns. Der Menschen verdorbene Herzen haben uns den tod gebracht und uns auch die letzte Hoffnung genommen …“

Bevor er weitersprechen kann, ist godwin wieder an meiner Seite. Ein einziger Blick von ihm gebietet dem Mann zu schweigen.
„Seine Majestät ließ euch an diesen Hof berufen, um die Hoffnung aufrechtzuerhalten, nicht um sie zu zerschlagen. Erzählt unseren Gästen keine Schauermärchen. Gebt lieber die Botschaft der weißen Fahnen weiter.“
Damit wendet er sich zu mir und winkt mir zu ihm zu Folgen.
„Ich glaube der Rosengarten der Königin könnte euch gefallen.“

Ich bin entsetzt und zu sprachlos um zu widersprechen, und so folge ich Godwin schweigend.

Er führt mich zurück durch Gänge, kleine Säle und luftig filigrane Brücken hinab in Richtung des Thronsaals. Kurz vorher biegt er aber ab und wir gelangen in einen Teil des Schlosses, in dem die Gänge breiter und höher scheinen. Die Verzierungen an den Wänden sind aufwendig und wunderschön, man fühlt sich fast als wäre das Gebäude mit seine steinernen Säulen und Blüten um einen herum gewachsen. Neben den weißen Fahne hängen hier manchmal auch Dunkelrote mit einem goldenen Einhorn und Nachtblaue mit einem silbernen Drachen.
Godwin sieht sich manchmal nach mir um, doch er schweigt.
Über eine schmalere Treppe bringt er mich hinab in einen Garten. Auf einer großen Wiese stehen alte Apfelbäume, die angenehmen Schatten spenden. Rechts führt ein Pfad gesäumt von Akelei und Lavendelstauden zu einem Bogen aus Rosen durch den ich einen wunderschönen Garten mit Rosenbeeten, Pavillons und verborgenen Ecken betrete.

Feengarten
„Ihr könnt euch hier ein wenig ausruhen. Ich habe noch verschiedene Dinge für heute Abend vorzubereiten. Später wird euch einer der Gärtner auf euer Zimmer bringe, wo ich euch frischmachen könnt.
Mit diesen Worten dreht er sich um und ist schon verschwunden.

Zwischen den Büschen nehme ich das summen der bienen und das leise angeregte Schnattern von Frauenstimme wahr. Ich beschließe in ihre Richtung zu gehen und treffe nach wenigen Wegbiegungen auf eine Gruppe junger Damen in edlen Gewändern. So unterschiedlich und bunt wie ihre Gewänder, scheint auch ihre Herkunft. Nur eine sticht aus all den anderen hervor, denn ihre silbern gewirkten leinenroben sind schlichter und gleichzeitig betonen sie die Schönheit der jungen Fee. Ihr weizenblondes haar ist zu einem strengen Zopf geflochten und die dunkelblauen Stickerein auf ihrem Gewand erinnern spontan an die Roben der Priester im Tal der sonne.

Während die anderen hinter vorgehaltener Hand kichern, geht sie einen Schritt forsch auf mich zu und neigt leicht den Kopf zur Begrüßung.
„Mein Name ist Mara. Ich bin Eine Schwester des Mondes. Und ihr müsst der Menschengeborene sein, von dessen Ankunft im Schloss alle sprechen.“
Sie stellt mir die anderen jungen Damen kurz als die Hofdamen der Königin vor. Worauf ich sie höflich begrüße.
 Danach entsteht eine seltsame Stille, denn niemand weiß so recht, worüber wir sprechen sollen, obwohl ich tausend Fragen habe.

„Seid ihr immer so wortkarg, oder liegt es an den vielen neuen Eindrücken hier in Talveymar, dass es euch die Sprache verschlagen hat?“ fragt Mara schließlich.

 „Ähm …. äh….“, stottere ich und bekomme vor lauter Verlegenheit kein Wort mehr heraus. Ich hole tief Luft und sammele mich kurz. Dann begann ich vorn. „Verzeiht, doch in der Tat ist alles für mich sehr neu und beeindruckend. Wer genau sind die Schwestern des Mondes?“

Mara streckt sich und funkelt dich an, als hättest du einen Frevel begangen.
„Die Schwestern des Mondes sind das Gegenstück zu den Priestern der Sonne. Wir sind die Hüterinnen des Glaubens und tragen das Wort und den Segen des Himmel in alle Lande Eruis. Ihr seid nun schon wieviele Tage in Erui? Fünf? Und man hielt es noch nicht für notwendig, euch von der Ewigen Herrin zu berichten?“
  Ups. Ich merke, dass ich rot werde. Eigentlich hätte ich es mir ja denken können. Ich frage mich, ob sie mehr darüber wissen, was der Gelehrte mir gerade sagen wollte. „Kennt ihr den Magierzirkel von Jalash?“

Die silberhaarige Elfe lacht erneut, während die anderen mit den Augen rollen und den Kopf schütteln.
Mara gibt sich gönnerhaft und bietet mir an, mich zu ihnen zu setzen:
„Der Zirkel ist der einzige Ort, an dem man Magie studieren kann, wenn man nicht dem Orden beitreten will. Jalash ist ein Stadt weit oben im Norden in den Landen der Gras, Fluss und Heidenymphe, Norimar. Sie wird auch die Stadt der Smaragdtürme genannt. Die größten Bibliotheken Eruis findet man dort. Das Wissen der Magier und Gelehrten ist unübertroffen. Die Stadt verfügt sogar über eine eigene Spezialeinheit, die Graue Garde. Es sind hervorragend geschulte Kampfmagier, die uns bisher im Krieg gegen den Schatten gute Dienste erwiesen haben.“
Als Mara den Schatten erwähnt, werden die übrigen Frauen ganz ruhig. Und ich spüre, wie die Luft um mich um einige Grad abkühlt. Selbst die Fee, die eben noch so tough gewirkt hat, ist plötzlich von einem Schaudern gepackt.

Gibt es wirklich keine Hoffnung gegen diesen Schatten?“ frage ich, das Gefühl der Bklemmung in mir niederringend.
Mara seufzt.
„Die oberste unseres Ordens, die Ewige Herrin Gwendolyn, ist bereits viele Tausend sommer alt. Sie hat die Armen des Schattens schon mehr als einmal über Erui herfallen sehen und sie hat ihnen mehr als einmal getrotzt. Doch selbst sie sagt, dass es diesmal keine Hoffnung mehr gibt. Nicht mehr, nachdem er den Stern geraubt hat.“

Gwendolyn2

Gwendolyn von Dorothee Rund (www.dorothee-rund.de)

„Aber ihr lebt noch und solange ihr alle lebt, gibt es noch Hoffnung!“, begehre ich auf, denn langsam greift die Verzweiflung auch nach mir. „Es muss etwas geben, was man tun kann. Etwas, wie man diesen Schatten vernichten kann! Wenn der Schatten euren Stern hat und er die einzige Chance ist, dann muss ihn jemand zurückholen!„, platzt es wütend und verzweifelt aus mir heraus.

Eine unangenehme, lange Stille legt sich über die Runde.

Eine nach der anderen stehen die jungen frauen auf und kehren mir den Rücken zu. Sie müssten sich nun für das Abendessen herrichten, murmeln sie.

Als Mara schließlcih ebenfalls geht, dreht sie sich noch einmal zu mir und und sagt:

Ihr Menschen wisst so wenig von Erui. Und doch beweisen eure Worte, dass wire nur euren Herzen entsprungen sein können. Denn genau das hat unser König getan. Sich aufgemacht, zu retten, was bereits verloren ist. Er ging, um Schatten und Tod zu finden. Und damit hat er uns den letzten Schutz genommen.“

Ende Teil 2 (weiter gehts um 17 Uhr)

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von sabrinaslesetraeume Veröffentlicht in Blogtouren

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